Geschichte

Seit 1875

1875
Vom »Wohlthätigen Schulverein zu Hamburg« zum »Hamburger Schulverein von 1875«
»Der Wohlthätige Schulverein hat den Zweck, der Volksschule in Hamburg dadurch zu dienen, dass er bedürftige Schüler und Schülerinnen derselben in leibliche Pflege und Aufsicht nimmt.« So ist der Zweck des Vereins in den Statuten von 1875 beschrieben. Die Gründer, das waren Kaufleute, Juristen, Bankiers, Ärzte, Pastoren und Pädagogen, wollten ihr Ziel durch Beschaffung von Fußzeug und Kleidung, Bereitstellung gesunder Nahrung, durch Anleitung der im Hause unbetreuten Kinder bei den Hausaufgaben und in den Freistunden (Horte) sowie durch Erziehungshilfen in Form von Umsetzung in andere Familien oder in geeignete Heime bei erziehungsunfähigen oder -unwilligen Elternhäusern verwirklichen. Schon ein Jahr später  – 1876  – wurde der Aufgabenkatalog durch »Landaufenthalte oder Badekuren für erholungsbedürftige Kinder« ausgeweitet.
1875
1900
95.000 Kinder hatten Kleidung
Als der Verein sein fünfundzwanzigjähriges Jubiläum feierte, konnte er auf 25.000 Kinder verweisen, die sich in diesem Zeitraum in ländlicher Familienpflege erholt hatten. Es waren fast 2.000.000 Mahlzeiten an schlecht ernährte Kinder ausgegeben worden und 95.000 Kinder hatten Kleidung und Schuhzeug empfangen, so dass die Oberschulbehörde schon 1892 den Schulbesuch barfuss oder in Holzpantoffeln verbieten konnte. So wird auch verständlich, dass Bürgermeister Hachmann in seiner Festansprache zum 25-jährigen Jubiläum des Vereins am 27.4. 1900 ausführte: »Das neue Schulgesetz war ein Segen, aber ohne das Eingreifen des Vereins wären viele Schüler dieser Segnung nicht teilhaftig geworden; durch den Verein erst ist das Gesetz zum Segen für die Jugend geworden.« Dabei standen dem Verein die größten Herausforderungen noch bevor; die erste kam 1914 mit dem Ersten Weltkrieg und seinen Folgen.
1900
1914
Vertrauensperson des hamburgisches Staates
In einer Sitzung hatte die Bürgerschaft den Verein 1914 als Vertrauensperson des hamburgisches Staates« bezeichnet. Folgerichtig betraute sie ihn bei Beginn des Krieges mit allen »kriegsfürsorgerischen Aufgaben in der Speisungs-, Bekleidungs- und Erholungsfürsorge für Hamburgs Schuljugend«. Nachdem 1914 als dritte Fachgruppe eine Bekleidungs-Kommission gebildet wurde, war der Verein für diese Aufgaben organisatorisch bestens gerüstet. Finanzielle Probleme konnten schnell gelöst werden, weil die Stadt großzügig mit Zuschüssen und Sachhilfen einsprang. In der Erholungsfürsorge war an die Stelle der »Familienpflege« die »Betreuung in Kolonien« getreten, seit 1910 sogar in vereinseigenen Häusern. In den vorübergehend bis zu 12 Heimen wurden gleichzeitig von 1914 bis 1933 rund 58.000 Kinder betreut. Im Krieg waren es etwa 2.250 Kinder jährlich, in den unmittelbaren Nachkriegsjahren 4.700. Die Zahl verminderte sich bis 1930 auf etwa 3.200 Kinder jährlich und sank bis 1933 auf 1.800 ab. Die Anforderungen in der Ernährungsfürsorge stiegen explosionsartig. Sie konnten nur durch das engste Zusammenwirken mit den Schulen und der Finanzdeputation befriedigt werden.
1914
1933
Die »Machtergreifung«
Die »Machtergreifung« 1933 brachte für den Verein tiefe Einschnitte in seine Organisationsstruktur. Nach der anfänglichen Absicht der »Machthaber« sollte der Verein aufgelöst und alle seine Aufgaben staatlichen und parteilichen Stellen übertragen werden. In zähen Verhandlungen gelang es, ihn zu erhalten. Der Preis dafür war hoch, denn die zur »Gleichschaltung« geforderte Neufassung der Satzung musste die Vereinsstruktur nach dem »Führerprinzip« neu ordnen. Alleiniger Leiter des Vereins wurde der Vorsitzende, der Vorstand hatte nur noch beratende Funktion, die Fachkommissionen und die Bezirksvereine wurden aufgelöst und alle Kompetenzen auf einen Geschäftsführer übertragen, der seine auf Weisung des Vorsitzenden geleistete Arbeit gegenüber den staatlichen Stellen und der nationalsozialistischen Volksfürsorge, einer Organisation der NSDAP, zu verantworten hatte. Da dieser Geschäftsführer in Personalunion Leiter der neu eingerichteten Dienststelle Schulfürsorge der Schulbehörde wurde, war aus der gewünschten Zusammenarbeit mit dem Staat eine Umklammerung durch ihn geworden, aus der sich der Verein erst Jahre nach Beendigung des Zweiten Weltkrieges lösen konnte.
1933
1939
Ausbruch des Zweiten Weltkrieges
Als mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges 1939 der Schulverein vor der größten Herausforderung seit seinem Bestehen stand, war er wieder bereit und in der Lage, ihr zu begegnen. Es ging jetzt nicht nur darum, Kinder mit Frühstück und Mittagessen zu versorgen, denn mit zunehmender Belastung der Zivilbevölkerung durch Bombenangriffe und Vertreibung mussten auch viele Erwachsene betreut werden. »In den kritischen Katastrophentagen und unmittelbar hinterher mussten bis zu über 10.000 Obdachlose, Feuerwehrleute usw. täglich verpflegt werden; ungerechnet die vielen, die einen "Schlag Essen" bekamen, ohne gezählt zu werden.« Solche Leistungen wurden auch noch erbracht, als nach den flächendeckenden Bombenangriffen 1943 sieben Küchenfrauen ihr Leben verloren hatten und 132 von ihnen ausgebombt wurden, als in diesen Tagen von sieben Großküchen zwei total zerstört wurden und von 139 Speisestellen 45 in Schutt und Asche fielen und in fast allen Einrichtungen des Vereins Bomben- und Brandschäden entstanden. Trotz dieser ungünstigen Bedingungen konnten von April 1939 bis April 1945 mindestens 15.200.000 Portionen Essen zubereitet und ausgegeben werden.
1939
1945
Der Wiederaufbau
Es waren die Politiker der ersten Stunde, die die Arbeit des Vereins wieder ankurbelten. Sie handelten dabei aus der Erkenntnis, dass die herrschende Not und die drohende Kinderhungersnot »mit dem unvermeidlich schwerfälligen Staatsapparat nicht zu bekämpfen« sein würden, »wie es der Schulverein tun konnte.« Schon ab September 1945 konnte den Schulkindern auf den drei Feldern der Arbeit des Vereins wieder geholfen werden. Unterstützt durch eine hilfsbereite Lehrerschaft und Lebensmittellieferungen aus britischen und amerikanischen Militärbeständen wurden in 22 Großküchen jährlich mehrere Millionen Portionen Mittagessen zubereitet. Auch die Versorgung mit Schuhen und Bekleidung wurde bis 1948 wieder aufgenommen. Obgleich bei Kriegsende alle Kinderheime von Flüchtlingen überschwemmt wurden, konnten noch 1945 drei von ihnen wieder für die Erholungsfürsorge genutzt werden. Schon 1946 standen in der Heide und an der Ostsee wieder alle fünf Heime für Hamburgs Schuljugend bereit. Sie nahmen bis Ende der Fünfzigerjahre jährlich 6.000 bis 7.000 Kinder für einen vierwöchigen Erholungsurlaub auf.
1945
1960
Eine rückläufige Entwicklung
Mit dem kräftigen Wirtschaftswachstum, dem wachsenden Wohlstand und der Verschiebung der Werteskala zu Gunsten materieller Dinge minderte sich in den Sechzigerjahren die Einsicht in die Notwendigkeit sozialer und gesundheitlicher Hilfen für Kinder. Der Verein bekam das durch rückläufige Teilnehmerzahlen bei der Schulspeisung und ein abnehmendes Interesse an den Heimaufenthalten zu spüren. Diese rückläufige Entwicklung verstärkte sich in den Siebzigerjahren durch die Einsicht, dass dem Wirtschaftswachstum engere Grenzen erwuchsen, als bisher für möglich gehalten wurde. Das war mit einer Verarmung der öffentlichen Hand und dem Zwang zu Sparmaßnahmen verbunden, die auch den Schulverein nicht verschonten. Die immer wieder erforderlichen Einschränkungen führten zu Beginn der Achtzigerjahre zur Aufgabe der Schulspeisung und zur Festsetzung einer Obergrenze bei den Erholungskuren für Kinder durch die zuständige Behörde.
1960
Seit 1990
Selbstlos und unmittelbar
Erst in den Neunzigerjahren setzte sich die Einsicht durch, dass wegen der vielen berufstätigen alleinerziehenden Mütter und Väter oder der Berufstätigkeit beider Elternteile viel mehr Kinder einer Betreuung bedürfen, als bisher angenommen wurde. So hatte der Verein, getreu seiner seit 1875 in den Satzungen festgeschriebenen Aufgabe, »selbstlos und unmittelbar der wohltätigen und gemeinnützigen Fürsorge für Schüler und Schülerinnen vornehmlich der Hamburger Schulen zu dienen«, neben der ihm verbliebenen einzigen Aufgabe im Rahmen der vorbeugenden Gesundheitshilfe zwei weitere Aufgaben mit Erfolg übernommen: Seit 1992 betreute und versorgt er Kinder im »Hort in der Schule«, eine Aufgabe, an der seine Gründungsväter 1878 noch gescheitert waren. Darüber hinaus betrieb der Verein von 1998 - 2003 »Pädagogische Mittagstische« und war damit - wie auch in der Hortarbeit - zu einer seiner Grundaufgaben zurückgekehrt, der Versorgung von Schulkindern mit einer warmen Mittagsmahlzeit. Mit der Einführung des Kita-Gutschein-Systems in Hamburg wurden die pädagogischen Mittagstische in Horte gewandelt und gleichzeitig erstmals die Betreuung von 3 bis 6-jährigen Kindern in Vorbereitung auf die Schule angeboten. Die Kindertagesbetreuung ist heute die größte Abteilung des Hamburger Schulvereins. ​
Seit 1990

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